Philosphiegeschichte

Hier bringe ich nach und nach einige Notizen zur Geschichte der Philosophie. Meine wesentliche Quelle dazu ist zunächst die Geschichte der Philosophie von Franz Schupp. Vom systematischen Aspekt her interessieren mich vor allem die Kernaussagen der jeweiligen Philosophen sowie ihre grundlegenden Setzungen und Prämissen, von denen sie ausgehen. Um die geschichtliche Entwicklung besser zu fassen, geht es mir aber auch um das Verständnis des jeweiligen historischen Kontexts, um die Reaktionen der Philosophen aufeinander sowie um die wechselseitige Befruchtung ihrer philosophischen Ansätze.

Einleitung

Mythologischer Hintergrund: Ägypten und Mesopotamien

vgl. Schupp, Geschichte der Philosophie, Bd. 1, S. 1ff.

Die Philosophie ist in einem Spannungsverhältnis von Mythos und Logos entstanden. Dabei blieb der Mythos in der Geschichte der Philosophie gegenwärtig.

Stark entwickeltes Denk-Gesetz in Ägypten: Forderung nach Symmetrie und Balance. Der Mythos erklärt, wie der Bestand der Welt, ihre Ordnung, ihre Form und ihre Proportionen bewahrt und gesichert werden können. Der Mythos erklärt, warum etwas so ist, wie es ist, und er sagt voraus, wie es sein wird. Der Mythos steht dabei nicht zur Diskussion, sondern ist "heilige Rede".

Ägypten, Mythos von Heliopolis

Kosmologie von Heliopolis, geht zurück auf ca. 3000 v. Chr. [Altes Reich]: Am Anfang, vor aller Zeit, steht das unendliche Urwasser, auch bezeichnet mit dem Götternamen Nun. Aus dem Urwasser erhebt sich als erstes Atum, der Sonnengott. Dann tritt aus dem Urwasser der Urhügel Chepri hervor. In Atum sind bereits alle Grundeigenschaften und somit auch alle späteren Götter bzw. göttlichen Manifestationen enthalten. Das Enstehen aus Atum ist mit einer besonderen Leichtigkeit verbunden. Die Natur ist göttlich. Naturbeschreibende Kategorien sind daher immer mit Götternamen verbunden.

Was wird mit den mythologischen Worten ausgesagt? Sie bezeichnen nicht "etwas", kein "Seiendes" und eigentlich auch keine Götter. Sie bezeichnen Maßstäbe des Sprechens und Definierens. Es werden Bedingungen angezeigt über das mögliche Sprechen von Gegenständen innerhalb der Welt.

Allgemeine und strukturelle Ordnung gilt als göttlich. Die Ordnung besagt: die Welt ist aus Zwecken, ist Zweck an sich. Die Ordnung besitzt natürliche, sittliche und politische Aspekte. Es gibt aber keine Trennung in verschiedene Disziplinen. Es gibt keine "reine" Erfahrung. Die Dinge sind immer für sich und "sind" nur, insofern sie "eingeordnet" werden können. [Hier finden sich erste Schemata wie später bei Kant oder Hegel.]

Das empirische, innerweltliche Wasser sondert sich vom Urwasser. Die Bedinung für diese Differenzierung muss im Urwasser selbst liegen. Es ist ein "Verlangen", welches der Grund von Hervorgehen und Entwicklung ist. Bedingung für das Hervorgehen ist die Zeit. Es gibt keine leere Zeit, keine Zeit vor der empirsichen Zeit. Zeit ist durch die Verwirklichung jenes Verlangens, das im Urwasser liegt.

Das Chaos ist nicht selbst ein Etwas sondern Grenzbegriff gegenüber der empirischen Welt. Die Ordnung ist prinzipell bedroht. Es herrscht Angst, das Urwasser könne hinunterstürzen und alles zerstören. Oder die Sonne, das Ur-Ordnungsprinzip der Welt, könne eines Tages nicht mehr am Horizont erscheinen. Am Ende wird Urozian sein, wie am Anfang.

Ägypten, Mythos von Hermopolis

[Zweite Zwischenzeit, vermutlich ca. 1600 v. Chr.] Verkomplizierte Variante des Mythos von Heliopolis. Am Anfang stehen vier Gottheiten jeweils mit einem weiblichen Komplement - also eine göttliche Achtheit - die die Urmaterie bilden. Es kommt zu einer Urbewegung. Der Urhügel wird herausgeschleudert und der Sonnengott Amun mit der Göttin Amunet entsteht.

Die Anreicherung des Mythos versucht die Erklärungslücke zu schließen, wie aus dem Undifferenzierten Differenziertes entstanden sein kann. In dieser Hinsicht kein Unterschied zwischen Mythos und Logos. Allerdings werden beim Mythos die Weiterentwicklungen verschleiert und in Form von Erläuterungen dem ursprünglichen Mythos hinzugefügt. Das führt häufig zu (scheinbaren) Ungereimtheiten. Mythen sind also keine starren Systme.

Lösung der Frage nach dem Übergang von Einem zu Vielem. Geht man von einem aus, so ist die Frage, wie es sein kann, dass ein Zweites dazu kommt. Geht man aber bereits am Anfang von Zwei aus (wie beim Menschen, wo es zur Fortpflanzung auch immer zwei braucht), so ist die Fähigkeit weiteres hinzuzuzählen in der Zweiheit bereits enthalten.

Ägypten, Theologie von Memphis

[Altes Reich, vermutlich ca. 2700 v. Chr.] Memphis als Hauptstadt des neuen Reiches durch Zusammenfügung "der beiden Länder". Oberster Gott Ptah = Schöpfer der Sonne und aller anderen Götter, so auch von Atum. Alternative Lösung des kosmogonischen Problems (= Erklärung des Hervorgehens der geordneten Welt): Weltschöpfung.

Die Schöpfung von Ptah ist keine Schöpfung aus dem Nichts, die Urhügel existieren bereits. Hervorbringen von Welt durch Gestaltung aus Erde / Lehm sowie durch Zeugung. Interessante Parallelen zur Genesis. Erster Schritt zur Schöpfung durch das Wort. Die Dinge existieren nicht, solange sie keinen Namen haben. Ausspruch des Wortes durch Ptah ist wirksames Hervorbringen.

Ägypten, Kosmogonie von Theben

[Neues Reich, vermutlich ca. 1500 v. Chr.] Theben ist das religiöse Zentrum Ägyptens. Amun (derselbe, der im Mythos von Hermopolis vorkam) wird zur zentralen Gottheit. In der Kosmogonie von Theben sind alle bisher bekannten Mythen systematisch verarbeitet.

Amun hat sich selbst hervorgebracht, er ist die Ursache seiner selbst. Er kann in seinem innersten Wesen nicht erfasst werden. Er ist der Geist, der bewegende Lufthauch, der die Urhügel entstehen lässt. Draus entsteht die Achtheit von Hermopolis.

Die Kosmogonie von Theben dürfte ein Ergebnis aus intensiver Denkarbeit und Diskussionen sein. Die Gelehrten von Theben entwickeln eine "aufgeklärte" Metaphysik für die Gebildeten. Für das Volk gibt es einen wesentlich einfacheren Schlangenkult: Amun ist die Schlage, die schnell ist und sich ständig häutet. Die Schlage als Symbol der ewigen Erneuerung.

Fazit: In den verschiedenen ägyptischen Mythen wird die Entstehung der Welt ohne Kampf von Göttern oder Prinzipien verstanden. Die Welt ist eine Einheit der Gegensätze. Die Ordnung innerhalb der Welt spiegelt ständig die Ordnung der Weltentstehung wieder. Z.B. die Finsternis muss jeden Morgen überwunden werden. Der Pharao ist Garant der Ordnung und Mittler zwischen dem Weltlichen und dem Göttlichen.

Mesopotamien

Andere äußere Bedingungen als in Ägypten. Während in Ägypten Nil-Verhalten und Klima berechenbar war, war das Verhalten von Euphrat und Tigris unberechenbar. Und unvorhersehbare Gewitter konnten das fruchtbare Land plötzlich verwüsten. Der Mensch steht dem ohnmächtig gegenüber. Die (grundsätzlich schon vorhandene) Ordnung musste immer wieder neu erzeugt werden.

In der frühen Kultur der Sumerer und Akkader (5. - 2. Jahrtausend v. Chr.) gab es keine Zentralgewalt. Man lebte in konkurrierenden Städten. Es gab eine primitive Demokratie mit unsicheren Verhältnissen und gewaltsamen Konflikten. Gewalt gehörte zur Natur der Welt und zu der des Menschen.

Kosmogonie: Bestehen der Welt durch ihr Entstehen erklären. Strukturen, die man sich dagegen in einer Kosmologie vorstellen würde, fehlen. Dies wird kompensiert durch das Erzählen von universell Gültigem, weil Ursprünglichem. Spannend: Hinsichtlich ihrer Ausprägung reflektiert eine solche Kosmogonie reale grundsätzliche Lebensbedingungen.

Der Grund der Welt wurde in einer Götterversammlung gesehen, die voll von Spannungen und Auseinandersetzungen war. Der Anfang liegt nicht in Einem sondern in Zweien, Apsu und Tiamat, Süß- und Salzwasser repräsentierend. Aus Apsu's und Tiamat's Schoß werden die Götter geboren. Nach einigen Zwischengöttern wird der Gott Anu (= der oberste Gott) geboren.

Anu repräsentiert den Himmel und hat die höchste Autorität. Der große Raum zwischen Himmel und Erde wird von Enlil beherrscht. Enlil verkörpert die (ambivalente) Gewalt und führt die Götter in Krisensituationen an. Die dritte Gottheit ist Ki, die die "Mutter Erde" repräsentiert. Ki verkörpert unerschöpfliche Fruchtbarkeit und sorgt für den Ursprung des sich ständig erneuernden Lebens. Die Grundprinzipien sind also: Autorität, Gewalt und Fruchtbarkeit.

Jede neue Entwicklung ruft eine Krise hervor. Die neuen Götter stören die alten Apsu und Tiamat. Der Gott Ea tötet Apsu. Sein Sohn Marduk führt die jungen Götter in den Kampf gegen Tiamat. Aus den beiden Hälften von Tiamats zerteilen Körper entsehen Himmel und Erde. Kingu, der die zerstörerischen Kräfte personifiziert, einer der Götter, die auf Tiamats Seite gekämpft hatten, wird getötet und aus seinem Blut werden die Menschen geschaffen.

Mensch und Kosmos können sich nicht lösen aus der Verflechtung der Dualität der Grundkräfte: Vollkommenheit vs. Verfehlung, Licht vs. Finsternis; bleibender und ständig sich wiederholender Kampf.

Zusammenfassung

Der Mythos (in Ägypten wie in Mesopotamien) verbindet die Ordnung des Kosmos mit der Ordnung der Gesellschaft. Eine echte Unterscheidung von Natur und Gesellschaft ist nicht möglich. Der Mythos legitimiert die Herrschaftsform. Wissen ist "heilig" und ist nicht frei zugänglich, sondern wird in Tempeln gehortet. Das gilt auch für Geometrie und Astronomie.

Es kristallisieren sich zwei grundlegend unterschiedliche Grundmodelle heraus, sich mit der Welt und dem menschlichen Leben auseinanderzusetzen. Ausgangspunkt sind die Gegensätze wie Licht - Finsternis, Leben - Tod:

Bei den Ägyptern werden die Gegensatzbereiche klar voneinander abgegrenzt. Ordnung ist für dieses Leben garantiert.
Harmonie - einheitliche Ordnung - Symmetrie - Monismus
Parmenides und die Eleaten in Süditalien entwickeln später eine Metaphysik nach diesem Modell.

Bei den Mesopotamiern werden die Gegensätze als Dualität von Prinzipien aufgefasst, welche in die Existenz des Menschen und des Kosmos integriert wird.
Dialektik - Kampf der Prinzipien - Gegensatz - Dualismus
Heraklit in Kleinasien entwickelt später eine Metaphysik nach diesem Modell.

Die Welt der Griechen

vgl. Schupp, Geschichte der Philosophie, Bd. 1, S. 15ff.

Die Welt der Helden

2100-1400 v. Chr. bedeutende Kultur auf Kreta. Beherrschung des östlichen Mittelmeeres. Händler. Wohlhabende kretische Oberschicht.

Ab ca. 2000 v. Chr. Einwanderungen nach Griechenland: Ionier, Achaier. Seit 1400 v. Chr. Mykene als bedeutendes Zentrum der Macht und Kultur. Einwanderer übernehmen kretische Kultur.

1250 v. Chr. Agamemnon, König von Mykene = Hauptgestalt des Trojanischen Krieges. Setzt sich im Gedächtnis der folgenden Generationen fest. z.B. Ilias von Homer.

Ca. 1200 v. Chr. Einwanderung von Dorern aus dem Norden. Kultureller Rückschritt. Schrift wird nicht mehr verwendet.

Ab 8. Jht. v. Chr. Belebung der Kultur. Schifffahrt. Kontakte zu anderen Kulturen. Wiederverwendung der Schrift. Homerische Epen werden im 6. Jht. v. Chr. schriftlich festgehalten. Homer = Erzieher der Griechen.

Epen erzählen von einer recht elitären Kultur. Götterhimmel = aristokratische Welt mit Sitten und Unsitten. Zeus' Herrschaft ist nicht gefestigt. Götter üben untereinander Kritik. Menschen kritisieren das Verhalten der Götter = Ansatzpunkt von Aufklärung. Es existiert die moíra = Schicksal, Notwendigkeit, der niemand entrinnen kann auch die Götter nicht.

Rationale Analyse ist bestimmend für die Handlungen Odysseus. Wahrheitsliebe ist nicht besonders stark entwickelt. Täuschung kann nützlich und daher lobenswert sein. Auch Bildung spielt keine große Rolle. Erziehung höchstens zum Waffengebrauch. Zum Helden kann man nur geboren werden, etwa durch vornehme Abkunft. Auch gibt es keine lange Tradition des ruhigen, distanzierten Beobachtens. Es geht dagegen um die reinen Taten. Helden brauchten Sänger zur Verkündigung ihrer Taten, Sänger brauchten die Helden, da sie von ihnen bezahlt wurden. Tüchtigkeit lohnte sich und brachte Beutegut. Streitaustragung im Volk per Faustkampf. Herrschaft wird ausgeübt von Menschen, die von Natur aus die Stärksten und Besten sind. Herrschaft ist damit ein Naturvorgang. Olympische Spiele: Nicht auf die Teilnahme, auf den Sieg kommt es allein an. Kampf der Helden ist im Gegensatz zu solchem Wettkampf immer echt.

Suche nach dem Vorhandensein besonderer Abstraktion bei den Griechen zu Homers Zeiten: díke = Gerechtigkeit mit weitreichender Bedeutung als unser Begriff der Gerechtigkeit. díke ist eine unpersönliche, universelle Macht die auf Menschen wie Götter gleichermaßen wirkt. Abstrakte sittliche Werte gab es nicht. Die Helden kannten kein "schlechtes Gewissen". Die Homerische Religion hatte also nichts mit Sittlichkeit zu tun. Es gab also Religionen ohne Ethik. In der Sprache Homers werden auch keine Abstrata für Körper, Seele oder Geist verwendet. So gab es den toten, unbeweglichen Körper. Am lebendigen Körper wurden die einzelnen Körperteile benannt, besonders die beweglichen Glieder. psyché ist das Atmen, das den Menschen am Leben hält. thýmos ist die Bewegung von Gliedern und steht auch für emotionale Regungen. noós ist die Fähigkeit, klare Vorstellungen zu haben. Die Menschen der Homerischen Welt hatten also weder das, was wir "Körper" nennen noch das was wir "Seele" nennen.

Fazit: Bei Homer gibt eine gewisse rationale und aufgeklärte Haltung, aber keine Spur von Philosophie. Wir sind immer im selben Umkreis: Dichtung, Heldentum und Waffen. Was die Griechen nicht von Homer gelernt haben ist Philosophie und Demokratie.

Die Welt der Städte und Kolonien

Städte waren im nachhomerischen Griechenland entscheidend für die Struktur. Grundbesitz - etwa im umgebenden Land - war entscheidendes Merkmal dafür, "jemand" zu sein. Gründung von Ansiedlungen außerhalb Griechenlands. Hauptmotiv: Streben nach Gewinn (Handel, weiteres Land). Bevölkerung von Athen hielt sich bis ins 6. Jht. v. Chr. bei Koloniegründungen zurück. Begriff "Kolonie" ist irreführend: Es gab keine Herrschaftsbeziehung zwischen Mutterland und Kolonien, insbesondere flossen keine Steuern aus den Kolonien ins Mutterland. Die Aussiedler wollten in der neuen Heimat alles schöner und größer machen, als im Mutterland (z.B. Tempelbau). Verbindungen zum Mutterland: Sprache, panhellenische Spiele, Delphisches Orakel. Griechisch wurde damit zur Weltsprache. Bewohner der neuen Städte waren neugierig und offen für neue Ideen. Die örtliche und kulturelle Beweglichkeit war ein wichtiger Faktor für das Entstehen der Philosophie.

Mehr Männer als Frauen unter den Auswanderern. Daher Mischung der Bevölkerung in den Kolonien. Die Tüchtigsten setzen sich durch. Gesellschaftsschichtung weniger stark als im Mutterland. Kontakt mit anderen Kulturen auch über die Sklaven. Fremde Weisheit kommt z.B. auch über Tierfabeln (z.B. Äsop).

Kampfgeist stammt aus der Welt der Helden. Aber die Siedler sind keine Helden. Für sie wird Wettkampf zum Selbstzweck. Es gibt keine Monarchen und keine herrschende Priesterklasse. In einem gesellschaftlich offenen Raum findet Wettkampf um Reichtum, Ansehen, Einfluss und Ehre statt. Es ging auch darum, sich durch Wissen auszuzeichnen. Wissen ist nicht mehr anonym und Ausdruck einer erhabenen Tradition, sondern bezieht sich auf Einzelne, die ihren Namen damit bekannt machen. Es geht darum "bessere" Theorien aufzuweisen, als die anderen. Wissen wird relativiert, weil es als immer überbietbar erlebt wird.

Nicht der Herrscherpalast oder die Tempelanlagen sondern die Agora (= zentraler Fest- und Versammlungsplatz einer Stadt) war der gesellschaftliche Mittelpunkt. Öffentlichkeit im Kleinen gab es im Symposion. Hier wurden wichtige und interessante Leute eingeladen wie z.B. Sänger und Dichter. Das Verständnis einer Aristokratie (áristoi sind die Besten) kommt erst in der Zeit zwischen 750 und 650 v. Chr. durch orientalischen Einfluss auf. Jede Stadt hatte ein Gymnasium, eine Sportschule, in der auch "Nebenfächer" wie Grammatik oder Werke von Dichtern von Sophisten oder Philosophen gelehrt wurden. Gesamtgriechischer Ideenaustausch während der olympischen Spiele. Auch musische Wettkämpfe. Panhellenische Wettkämpfe waren so etwas wie die gesamtgriechische Agora.

Entwicklung der Künste: Griechische Plastik hält Bewegung der Sportler fest. Selbst Götter werden in Statuen als Wettkämpfer dargestellt (Beispiel Herakles als Dauerkämpfer). Dichtung und Musik: Pythische Wettkämpfe in Delphi. Dichtung und Musik lösen sich aus dem kultischen Bereich. Chorsingen gehörte zu den wichtigsten Elementen bürgerlicher Erziehung.

Allgegenwärtige Wettkampfsituation ist wichtig für die Entwicklung der Philosophie: (A) konkurrierende Theorien, (B) Dialog als ein mit Sprache geführter Wettkampf. Beispiel: Protagoras in Platons gleichnamigem Dialog habe schon viele Redewettkämpfe bestanden.

Griechische Gesellschaft ist auch von Gewalt geprägt. Die griechische Tragödie hat starken Einfluss auf die Haltung und Meinungsbildung der Menschen. Rache ist darin ein legitimer Grund des Handelns. Ja sie ist sogar eine edle Pflicht.

Überall stellte sich die Frage nach dem rechten Maß. Zentrale Tugend: sophrosýne = Mäßigung, Maßhalten. Maßhalten heißt: sich selbst und seine Grenzen erkennen. Angewandt auf Weisheit und Wissen: Wissen innerhalb der Grenzen der menschlichen Vernunft. Dagegen Offenbarungswissen in Mythen: Wissen jenseits der menschlichen Vernunft. Mythen werden gerne erzählt (Beispiel Platon).

Der Wert der Muße

War Arbeit noch ca. 700 v. Chr. etwas Ehrenvolles, so bildet sich nach und nach ein neues Ideal aus: Das Ideal des arbeitsfreien Lebens. Ein freier Mann besitzt genügend Land und Sklaven, um nicht selbst arbeiten zu müssen. Die Männer, die in der Agora diskutierten, waren nicht-arbeitend. Das bedeutet nicht, dass sie alle reich waren, denn schon ein kleiner Grundbesitz mit wenigen Sklaven war ausreichend für ein arbeitsfreies Leben. Arbeit gilt aus Sicht dieser aristokratischen Schicht als "banausisch". Aus den Schulen werden alle Themen ausgeschlossen, die etwas mit Arbeit und Geldverdienen zu tun hatten. Der Stand der Bauern wird abgewertet. Kein Wunder, dass in Platons Staat die Bauern von allen politischen Funktionen ausgeschlossen werden. Kunstwerke werden verehrt. Die Bildhauer dagegen werden gering geschätzt. Musik wird zu einer theoretischen Angelegenheit, bei der der kennerhafte Zuhörer, dem praktischen Virtuosen übergeordnet ist. Für Philosophie und Wissenschaft hat das Konsequenzen. Praktische Anwendung ist verpönt. Insbesondere betrachtet man in der griechischen Wissenschaft keine technischen Anwendungen, denn das wäre ja "banausisch".

Die Griechen schätzen die Jugend und den heiteren Genuss (hedoné). Maßhalten musste man nicht aus sittlichen Gründen sondern aus Klugheit: man versuchte, nicht den Neid der Mitmenschen oder der Götter zu erregen. Das Ideal ist ein erfülltes Leben, nicht unbedingt ein langes Leben. Die Griechen wissen um die Kürze des Lebens sowie das Leid und beklagen dies, erkennen den Tod aber als notwendig und natürlich an. Es gibt eine Verehrung toter Helden aber keinen Seelenkult. Die Vorstellungen über eine Welt der Toten waren unscharf und nicht allgemein anerkannt. Man konnte es halten wie man wollte. Manche sprachen von Jenseitshoffnungen, andere verspotteten diese. Auch der Sokrates der Apologie lässt die Frage nach dem Jenseits offen.

Für die Griechen war das Leben prekär und ungesichert. Menschliches Glück konnte jederzeit enden. Sah man rationale Gründe darin, so waren es weniger sittliche Verfehlungen sondern Unklugheit oder Unmäßigkeit, die das Neid der Mitmenschen erregte. Es gab aber auch einen stark irrationalen kulturellen Hintergrund: Orphik und andere Mysterienkulte. Unglück und Leid werden auf das Schicksal (moíra) zurückgeführt. Und das Schicksal entzieht sich jeder rationalen Berechnung.

Die Griechen genossen das Leben, besonders das "Schöne" in Form von Kunst, Dichtung und Musik. Sie besaßen aber auch tiefe Skepsis gegenüber dem Wert des Lebens: Das Schöne und Angenehme war stets durch das Schicksal bedroht. Eine Interpretation liefert der Mythos: Das Dionysische, Lebensbejahende wirkt vor einem dunklen chaotischen Hintergrund. Das Apollinische der Kunst besitzt die Funktion dem Leben eine Aura bleibender Schönheit und Ordnung abzuringen. In diesem Kontrast wurden die Griechen früh zu einem Volk von Individualisten: jeder einzelne muss mit seinem Schicksal fertig werden. Die Griechen kannten Heiterkeit und haben verstanden, dass das Lachenkönnen ein spezifisches Kennzeichen des Menschen ist (Aristoteles). Diese Heiterkeit ist aber kein Naturphänomen, sondern verarbeitet auch den dunklen Hintergrund des Lebens.

Die spezifische Struktur des griechischen Mythos

Jede Stadt und jedes Dorf hatte seinen eigenen Gründungsmythos. Dieser Mythos war unmittelbar präsent. Hatte etwa der göttliche Stadtgründer eine Quelle gefunden, so begegneten die Menschen beim täglichen Frühstück an dieser Quelle dem Göttlichen in unmittelbarer Nähe. Persönlichkeiten rühmten sich der Abstammung von Göttern. Das "Gottmenschentum" war Teil der normalen Umgebung: jeder kannte einen, der unter seinen Vorfahren irgendwo einen Gott hatte.

Während in Ägypten und Mesopotamien die Priesterschaft über den Mythos wachte (und auch über das Monopol des Wissens verfügte), gab es in Griechenland keine gesellschaftliche Gruppe, die den Mythos verwaltete. Es gab kein doktrinäre Fixierung. Die verschiedensten Auffassungen, Auslegungen und Weiterentwicklungen wurden zugelassen. Grenze war lediglich die asébeia, die Gottlosigkeit. Insbesondere gab es keine Gruppe, die sich damit befasste, Wissen in den Zusammenhang des Mythos hinein zu organisieren, wie in Ägypten und Mesopotamien. Es konnte sich daher eine "unabhängige" Wissenschaft entwickeln, die neben dem Mythos stehen oder auch gegen den Mythos argumentieren durfte.

Der griechische Mythos ist reichhaltig und vielschichtig. Aber seine Kosmogonie ist wenig entwickelt. Der Übergang vom Mythos zum Logos bei den Vorsokratikern beginnt mit einem zentralen Thema: der Kosmologie. Wo stammen die mythologisch-kosmologischen Vorstellungen her, mit denen sich die Vorsokratiker auseinandersetzen konnten? Es liegt die Vermutung nahe, dass diese ersten kosmologischen Vorstellungen aus anderen Kulturen "importiert" wurden. Auch Wissen über die Natur kamen vorwiegend von den Ägyptern und Babyloniern. Das Neue und Besondere bei den Griechen war, dass dieses Wissen in einem anderen, außermythologischen Bezugsrahmen gestellt und nicht von einer Priesterklasse verwaltet wurde. Modern gesprochen: Das Wissen wurde in einer anderen Sprache ausgedrückt und dadurch transformiert. Dabei fehlten den Griechen Orte der Akkumulation von Wissen. Jeder der wollte und der über genügend Geld verfügte konnte forschen.

Die Griechen ein "Volk von Philosophen"?

Das Wissen der späteren Philosophen (Vorsokratiker) wurde gesellschaftlich als nicht besonders wichtig angesehen, jedoch gab es eine gewisse Toleranz. Die Griechen waren also keineswegs ein "Volk von Philosophen". Die interessierten Philosophen fanden "lediglich" genügend Leute, die sie verstehen konnten. Das geringe öffentliche Interesse verhinderte dabei einen Leistungsdruck. Niemand erwartete, dass die Philosophen die großen Probleme ihrer Zeit lösen konnten. Insofern musste die Philosophie nicht "nützlich" sein. Das änderte sich erst nach den Vorsokratikern mit den Sophisten.

Verfassungen und Gesetze

In den griechischen Städten (des Ursprungslandes) entwickelten sich erste Formen der Demokratie. Schriftlich niedergelegte Gesetze zur Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens gab es bereits in Ägypten, bei den Babyloniern und in Israel. Diese Gesetze standen jedoch in einem mythologischen Kontext und ihre Gültigkeit wurde auf göttlichen Willen zurückgeführt. Im 7. Jht. v. Chr. kamen die Griechen auf die Idee, den Weisen Solon zu beauftragen, brauchbare Regeln für die Bürgerschaft festzuhalten. Auch die Kolonisten legten Gesetze in freier Übereinkunft fest. Die Gesetze wurden erfunden bzw. aufgefunden durch eigene Überlegungen. Dies setzt die Fähigkeit des Analysierens und Überlegens voraus - so etwas wie Vernunft also. Herrschaft und Gesetze wurden somit legitimiert durch die Vernunft. Schupp interpretiert diese "Erfindung der Vernunft" nicht als heroischen Akt, sondern als Notlösung wegen der Abwesenheit theokratischer Strukturen. Der Übergang vom Mythos zum Logos wurde also mitbedingt durch die Schwäche nicht theologisch abgestützter Institutionen.

Muster bei der Entwicklung der Demokratie: Ordnungsschema erfinden, das mit den empirischen Gegebenheiten in Einklang steht und das die verschiedenen Kräfte der Gesellschaft in einen vernünftigen Zusammenhang bringt, ohne dass es einer Monarchie bedarf. Muster zur Erklärung des Kosmos durch die Vorsokratiker: Postulierung eines Ordungsgefüges (Kräfte), das durch vernünftige Überlegung erfasst werden kann, etc. Der Beginn der Philosophie steht also in einer engen Beziehung zur Entwicklung der Demokratie.

Geringer Expansionswille der Griechen. Sie konnten sich in Kolonien ausbreiten, ohne dass sie von anderen als starke Bedrohung gesehen wurden. Andere wurden als potentielle Käufer und nicht als potentielle Untertanen angesehen. Dies geht einher mit Lernfähigkeit und Offenheit für fremde Ideen. Das ändert sich im 4. Jht. v. Chr., als Athen eine Großmacht werden wollte.

Kurze Zusammenfassung

Die Griechen gingen die Dinge etwas anders an als andere Völker. Erfindung von so etwas wie die Demokratie, um ohne Monarchen auszukommen. Wettkampf als Lebenselement: Wettstreit der Dichter, Wettstreit von Ideen. Offene Diskussion über Defizite bei den Göttern und offen abgehandelte Veränderungen. Die Griechen waren wohl einfach ein wenig freier, vorurteilsloser, respektloser und streitsüchtiger als andere.




Quellen

Franz Schupp: Geschichte der Philosophie im Überblick, Band 1 Antike, Hamburg, 2003, 1. Auflage